R. J. Schlagseite

Künstler aus Wilhelmsburg
R.J. Schlagseite, Selbst-Ironiker und Bohemien

Annabel Trautwein von Wilhelmsburg Online stellt interessante Kulturprojekte und Künstler von der Elbinsel vor.

“Da kommt der Musiker!”, ruft einer über den Stübenplatz. Sofort ist klar, wer gemeint ist: R.J. Schlagseite, Liedermacher und laut Eigenauskunft einziger Vertreter der “Neuen Wilhelmsburger Schule”. Auch ohne Gitarrenkoffer ist er sofort erkennbar an Hut, Anzug, Ohrring. Und ständig bei der Arbeit, auch wenn es gar nicht danach aussieht. R.J. Schlagseite textet und komponiert, wo ihn die Muse küsst – am Kneipentresen, im Nieselregen, auf dem Klo. So ist auch sein neues Album entstanden. Tod allen Fanatikern ist der Soundtrack eines persönlichen Neuanfangs. Lässige Gitarrenriffs, ironische Texte und schräge Helden sind trotzdem wieder dabei.

Der Liedermacher aus dem Reiherstiegviertel hat sein Leben geändert und eine neue Platte herausgebracht.

Es konnte für ihn nicht weitergehen wie bisher. Jede Nacht Vergnügungssucht, Kneipenluft, Alkohol – so habe er jahrzehntelang gelebt, sagt R.J. Schlagseite alias Ralf Junker. Die Titel auf seinen früheren Platten bezeugen es: Trinkt billigen Wein, meine teuren Freunde oder Auch Maßhalten muss im Rahmen bleiben. Mit Selbstironie ging das immer, aber für ihn wurde es Ernst. „Am härtesten war König Alkohol, ich bin dein Untertan“, sagt er

Damit ist jetzt Schluss. Lieder mit explizitem Alkoholbezug sind aus dem Liveprogramm gestrichen. „Jetzt, wo ich das Trinken aufgegeben habe, kann ich das nicht mehr glaubwürdig vertreten“, erklärt R.J. Schlagseite. Außerdem wollte er stilistisch etwas neues ausprobieren. Tod allen Fanatikern lebt zwar wie die früheren Alben vom ironischen Blick des Sängers auf sich selbst und die anderen, von Sternstunden des Alltags und dem demonstrativen Bruch mit dem bürgerlichen Dasein. Doch der Sound wandelt sich, weg von der akustischen, zurück zur elektrischen Gitarre – diesmal mit minimalistischem Schlagwerk und mehr Jazz. “Meine Lieder sind alle autobiografisch gefärbt”, sagt R.J. Schlagseite. Der Song Ich will den Schmerz etwa gehe auf eine Sportverletzung zurück. Aus Erinnerungen an seine Teenager-Jahre entstand Mein alter Ego ist Politiker.

Bohemien ist R.J. Schlagseite nach wie vor, nur mit weniger Exzess und Kater. Er stehe jetzt auch vormittags auf, sagt der 46-Jährige. Ein regelmäßiger Job von neun bis fünf sei trotzdem nichts für ihn: “Ich habe das mal gemacht. Liegt mir nicht.” Der Freigeist lässt sich nicht gern zwingen, auch nicht von den eigenen Ansprüchen. Schon als Kind wollte er Gitarre spielen, flog aber aus der Musikschule – kein Bock auf Tonleiteretüden. Also brachte er sich das Gitarrespielen mit Büchern und Musikkassetten selbst bei. Das reichte, um mit 14 den ersten Bandauftritt zu bestehen. “Ich hatte also schon 30-jähriges Bühnenjubiläum”, sagt er.

Heute ist die Musik Lebensinhalt und Broterwerb zugleich: Er verkauft seine Platten selbst, spielt hier und da einen Auftritt, hin und wieder nimmt er Aufträge für Filmmusik an. Mit dem Underground-Regisseur Henna Peschel etwa, der selbst aus Wilhelmsburg stammt und mit Filmen wie Rollo Aller bekannt wurde, hat er schon oft zusammengearbeitet. Im Streifen Pete the Heat spielt R.J. Schlagseite sogar eine der Hauptrollen: Ralf, einen Schiffbauer mit Hang zum Rock’n'Roll, der zwei weiteren Leistungsverweigerern helfen soll, sich in die Karibik abzusetzen.

Im echten Leben hat R.J. Schlagseite seine Insel schon gefunden. Nach zehn Jahren Wilhelmsburg gehört er zu ihren bekanntesten Köpfen. Beim Musikfestival “48h Wilhelmsburg” ist R.J. Schlagseite schon seit Jahren dabei, am Samstag den 14. Juni spielt er im Hafenmuseum Hamburg. “Ich war schon hier, bevor es cool wurde”, sagt R.J. Schlagseite, der sich auch Gründer und einziger Vertreter der “Neuen Wilhelmsburger Schule” nennt. Das Label sei eine Anspielung auf die Trainingsjacken-Bands der “Neuen Hamburger Schule” und natürlich nicht sein Ernst. “Ich finde es einfach gut zu sagen: Ich stehe für etwas. Auch wenn es ironisch gemeint ist”, erklärt R.J. Schlagseite. Um dem Klischee Genüge zu tun, habe er immerhin im Frühling oder Herbst Trainingsjacken getragen – unter dem Sakko.


Hamburger Abendblatt
online 23. 10. 2008
R. J. Schlagseite im Nachthafen - aktuelle Konzertkritik aus der Mittwochnacht
Eine Poesie der Kernigkeit
Ralf Junker lebt auf der Elbinsel und arbeitet auf dem Kiez. Als Barmann im Sorgenbrecher. Da passt es gut, dass der erste und einzige Vertreter der Neuen Wilhelmsburger Schule mit seinen spröden wie schönen Gitarrenhymnen zu einer kleinen Tournee auf St. Pauli aufspielt.

Von Birgit Reuther

Hamburg -

Der Kiez hat seine eigene Zeitrechnung. R. J. Schlagseite weiß das. Und so spielt der Musiker jenen Damen, die zu spät zum Auftaktkonzert seiner kleinen St.-Pauli-Tour kommen, noch schnell zu später Stunde ein paar Songs auf der Westerngitarre. Prekariatshymnen. Trocken gedichtet. Mit Schnodderslang vorgetragen.

Der Ort für sein smartes wie sprödes Trinkliedgut hätte der Mann mit der sympathischen Halunken-Visage nicht besser wählen können. Der Nachthafen, eine jener seltener werdenden vernebelten Spelunken nahe der Reeperbahn. Rotlichtlämpchen am Holzgebälk. Mit Gestalten, die ein Filmteam niemals hätte casten können. Ladies konsumieren Selbstgedrehte und Sektchen. Typen Marke Buddy Holly oder Lemmy Kilmister nicken dem Barmann zu. Noch ein Bier. Der Wirt schenkt gerade Schnaps in Reihe aus, während R. J. Schlagseite, der im bürgerlichen Leben Ralf Junker heißt, zu schlichten hübschen Akkorden bekennt: "König Alkohol, ich bin Dein Untertan". Oder er appelliert an die Tresenhocker: "Trinkt billigen Wein, meine teuren Freunde".

Doch derart schöner Stumpfsinn ist bei weitem nicht die einzige Stärke des Singer-Songwriters mit der Bass-Stimme. Nummern wie "Hollywood" sind nostalgisch gefärbte Oden an Hamburgs Szene und Subkultur - jenes Paralleluniversum, das erst aufgeht, wenn die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist. Eine Welt, in der Schlagseite sich als Barmann und Bluesrocker des Sorgenbrechers auf dem Hamburger Berg bestens auskennt. Und so klingen auch seine Lieder. Statt Befindlichkeitslyrik und intellektuellem Diskurs protegiert er auf seinem selbst produzierten Debütalbum "Für meine Niederlagen habe ich nichts gekonnt" eine Poesie der Kernigkeit. Selbstbewusst ruft der Elbinsel-Bewohner die Neue Wilhelmsburger Schule aus. Eine Bewegung, dessen erstes und einziges Mitglied er ist.

Eine Klasse für sich ist auch Schlagseites Gaststar Senor Depressivo aus Berlin. Ein androgynes Wesen, das aussieht wie Johnny Depp frisch aus einem Tim Burton-Film entflohen: Schwarzer Anzug, dunkel umränderte Augen, Zylinder. Die Hände mit den schwarz lackierten Fingernägeln huschen über die Tasten der Orgel, während die Frau mit dem schwarzen Schnäuzer und der Schmiergelstimme Moritaten über die Liebe singt. Derbe, grotesk, schillernd. Das Gesangstempo passt sie ihrem holprigen Spiel an. Die Ansagen erklingen in Englisch, Deutsch und Französisch, einer Fantasiesprache gleich. Ihr Repertoire schwankt zwischen Chanson und Tango - und immer wieder "Hilde". Die Knef erklingt auch im Duett von Senor Depressivo und R. J. Schlagseite: "Eins und eins das macht zwei".

Nach dem Auftritt muss der Musiker im feinen grauen Zweireiher noch seinen eigenen Roadie machen, die Mikros abbauen und Kabel einrollen. Zuvor wird von den Gästen aber noch die Gage kassiert. Mit einem Blecheimer. Auch bei seinen weiteren Konzerten auf St. Pauli am Donnerstag und Freitag wird es dann wieder heißen: "Leises Geld bevorzugt." Eine ganz eigene Rechnung.


Szene Hamburg:
Endlich einer, der euch nicht anlügt, der sich nicht mit einer erfundenen Underdogvita brüstet. Wenn der Hamburger Singer/Songwriter verkündet "Für meine Niederlagen hab ich nichts gekonnt" ist das die schlichte Wahrheit. Erzählt und besungen von einem, der sich wahrlich bemüht, aufrecht zu bleiben - aller Abstürze, aller Verweigerung und aller gescheiterten Liebeleien zum Trotz. Stoisch beisst R. J. Schlagseite sich durch, auch, wenn er mal unten ist - als Proletarier, als Liebhaber, als Trinker. Er kennt den Blues, besingt ihn zur Gitarre in schönstem Hamburgerisch und zeigt, wie man bei aller Trauer und Tristesse das Schöne im Blick bewahrt und - gottverdammt - dennoch, oder vielleicht gerade wegen der vielen Schieflagen, auch mal lacht. GB. SZENE Hamburg im Juli 2007.

Tourberichte und weiter unten noch mehr Presse

Freitag, 11. 01. 2008: Die erste CD verkaufte ich schon im Bus auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Guter Start, dachte ich und auf dem Weg nach Emden sprachen wir mit Britta und Nancy über Mulizucht. Man kann die Viecher angeblich kreuzen. Ich hatte geglaubt, dass wenn man ein Pferd und einen Esel kreuzt, das  Ergebnis nicht mit seinesgleichen kreuzbar ist. Nancy behauptete, das sei sehr wohl möglich und da sie in der Branche arbeitet, glaubten wir ihr. Emden ist übrigens meine alte Heimatstadt und so waren Henna und ich im "Hotel Mama" einquartiert. Karottenauflauf und heimelige Atmosphäre vor´m Gig bekommt man nicht überall geboten. Henna probierte noch das Tandem aus mit dem mein Vater auf seine alten Tage seine aberwitzigen Touren an die entlegensten Orte der Welt unternimmt (Nordkapp, Gibraltar). Ich würde da ja ganz gerne mal ´nen Gig spielen aber nicht mit dem Fahrrad anreisen müssen. Das Café Grusewsky ist nur einen Steinwurf von meinem Elternhaus entfernt und im Laufe des Abends wunderte ich mich, wieso einige meiner Gesprächspartner immer plötzlich weg waren. Rauchverbot. Sie verschwanden in den Raucherraum und auf einmal merkte ich, dass ich Luft zum Atmen hatte. Ich hoffe, nicht zu sehr als Spassbremse ´rüberzukommen, aber für mich als Ex-Raucher ist es echt angenehmer so. Besorgt euch halt Schnupftabak oder Nikotinpflaster, wenn ihr auf´m Affen seid. Ich bin wirklich froh, den Scheiss aus´m Kopp zu haben. Der Gig lief super, der Film wurde mir grossem Interesse aufgenommen und ein kleines Set ohne Mikro und Verstärker für die letzten Gäste geht in so netten Läden wie dem Gruseswky eigentlich immer, so auch heute. Betreiber Hakan ging mit dem Hut ´rum und die Fahrtkosten waren einigermassen abgedeckt. Ich müsste eigentlich der schönen Alexandra , die ich hier abends kennen lernte, mal wieder ´ne email schreiben. Von der vierfachen Mutter Petra erfuhr ich, dass man Brüste nicht kneten, sondern an ihnen saugen soll. Gut zu wissen.
Samstag, 12. 01. 2008: In Kassel spielten wir im "Arm aber okay". Geiler Name. Der Laden war eher ´ne Galerie und die gerade laufende Kunstausstellung vertrug sich mit dem trashigen Humor, der in meinen Texten ("Auch Masshalten muss im Rahmen bleiben") und in "Rollo Aller!" verbraten wird ganz vorzüglich. Mein Namensvetter Ralf hatte einen Inkontinenzbeutel angepiekst und so hinter dem Porträt einer Adeligen angebracht, dass es so aussah, als würde sie sich einnässen. Aus zwei Rollstühlen hatte er einen zusammengeschweisst, der breit genug war, um mit einer akustischen Gitarre darauf Platz zu nehmen. Den wollte ich für die kleine, presshölzerne Bühne, die extra weiss angemalt wurde. War richtig gut besucht, die Leute waren aufmerksam, lachten über einzelne Zeilen und später beim Underground-Kultfilm "Rollo Aller!" so laut, dass die Dialoge bisweilen übertönt wurden. Wir hingen noch ´n bisschen in der sehr hübschen Lolita Bar ´rum und um die Zeit bis zur Abreise ´rum zubringen kutschierte Ralf uns mit ´nem fetten 3ooer Benz mit Chromzierleisten (geilomatik) in der Gegend ´rum. Wir sahen eine Märchenschlossruine, die absichtlich als Ruine gebaut wurde. Das Ding sollte so aussehen mit diesen brüchigen Zinnen und so. Gewollter Trash im 18. Jhdt. Kaum zu glauben aber sehr hübsch anzusehen.
Bis zum
Darmstadt-Gig am Dienstag, 15. 01. 2008 hatten wir zwei Tage Zeit, die wir in einem hessischen Nest namens Schlüchtern für einen kleinen Wellness-Urlaub nutzten. Reisen schlaucht. Nachtleben schlaucht. Waldspaziergang, Sauna und Hallenbad haben gut getan. Einige meiner Lieder ("König Alkohol", "Trinkt billigen Wein meine teuren Freunde") dokumentieren meinen aus alttestamentarischer Sicht doch eher fragwürdigen Lebenswandel ganz gut. Zum Glück gibt´s auch gesunde Sachen, die Spass machen.
Das "603 qm" war allen Ernstes 603 qm gross, wenn man alle Flachen und Räume addierte. Der Vorführsaal alleine erreichte diese Grösse zwar nicht, wirkt aber doch einigermassen gigantisch im Vergleich zu Bars und Galerien. Zum Glück waren wir gut im Training und fühlten uns der Aufgabe über 300 Leute zu bespielen gewachsen. Markus vom Wiesbadener Rewika-Label legte Platten auf und meldete Interesse an meiner nächsten Aufnahme an. Wir wurden in einem 3 Sterne-Hotel untergebracht. Fett. Mein Album-Titel "Für meine Niederlagen hab ich nichts gekonnt" verliert langsam an Glaubwürdigkeit. Hohe Zeit, "Auch Masshalten muss im Rahmen bleiben" zu produzieren.
Der Gig in Wriedel war ei
gentlich eher  ´ne Privatparty auf´m Land. Ich stöpselte die Gitarre direkt in´s DJ-Pult was einen Gitarrensound erzeugte, der eher an Hüsker Dü als an eine Akustikgitarre erinnerte. Der Erfinder des message dancefloor Knarf Rellöm trommelte auf Treppe und Stuhl mit (Danke nochmal, einen Extra-Applaus bitte). Die Gastgeber haben Kinder und einige Gäste hatten die ihrigen ebenfalls mitgebracht. Als ich meine Lieblingsanekdote vom Grab Rio Reisers zum Besten gab, um "Begrabt mich mit meiner Gitarre" anzusagen, hielt Sterne-Sänger Frank Spilker seiner 10-jährigen Tochter die Ohren zu. Er rechntete wohl mit etwas Morbidem. Der Text ist aber eher lustig. Landparties sind übrigens immer wieder eine schöne Abwechslung. Wo bekommt man sonst dreibeinige Katzen zu sehen.
Samstag, 19. 01. 2008: Vor und nach dem Gig in der Spedition in Bremen haben wir Neil Young Live-Videos mit Staraufgebot geguckt. Neil hat einen filigraneren Mundharmonikahalter als ich, habe ich festgestellt. Ich glaub´ ich frage mal den Instrumentendealer meines Vertrauens, ob er mir so´n Ding besorgen kann. Ich bin ja schon länger Neil Young-Fan und vielleicht übe ich dann endlich um dieses charmante, kleine Instrument besser beherrschen zu lernen. Dieses Gestell, was ich zur Zeit benutze, nervt tödlich. Vor dem eigentlichen Tourneeabschluss ein Wochenende später beim Elbblick-Filmfestival im B-Movie in Hamburg-St.Pauli, spielte ich noch zwei Live-Videos ("Ich bin ´ne faule Sau" und "Die Meisten merken nichts") bei balconyTV ein. Gibt´s entweder dort oder auf YouTube zu sehen. L G  R. J.




Kein Autogramm von Mehmet Scholl
Zwei Hobbysportler mit Klampfe und Kultfilm auf Europatournee


Die ganze Sache begann eines schönen Tages im März ´07, als Isabel, Tomas und Claude (unsere späteren Gastgeber) aus Zürich mich, R. J. Schlagseite, beim beyond frames Singer Songwriter Slam im Haus III&70 in der Schanze mit dem Titel "Hollywood" meinem Solo-Album "Für meine Niederlagen hab ich nichts gekonnt" den 2. Platz belegen sahen und hörten. Tomas sprach mich nach dem Gig an, ob ich in Zürich spielen wolle. Wollte ich natürlich unbedingt. Für einen Gig so weit in den Süden zu fahren, ohne zu wissen wie hoch die Gage sein würde, birgt ein gewisses finanzielles Risiko und so lag die Idee zunächst auf Eis. In meinem Song "Schöne Lügen" texte ich nicht von ungefähr "...hätte ich Kohle wär´ ich längst hier ´raus". Nach einer ganzen Reihe erfolgreicher Veranstaltungen (Studio-Kino, 3001, Zeise, alles HH) im Doppelpack mit dem Hamburger Underground-Kultfilm "Rollo Aller! 1&2" kam die Idee auf, mit Klampfe & Kultfilm die Stadtgrenzen zu überschreiten und auf Tournee zu gehen. Henna Peschel, Macher dieses zum Schreien komischen Streifens, aktivierte sein Freundin Moni in München. Die Tätowiererin besorgte gleich drei Gigs und handelte eine Festgage aus, so dass das bereits erwähnte finanzielle Risiko überschaubar bleiben würde. So weit in den Süden würde ich so ohne Weiteres nicht so schnell wieder kommen, also schickte ich eine email nach Zürich. So kam es zu den einzigen Gigs der Popgeschichte, die jemals über einen email-Kontakt zustande gekommen sind. Und so begann im Oktober ´07 die "Punk Sauli"-Tour mit Musik und Film mit einem Gig in der Boschbar am Montag, 08. Oktober in Zürich (CH). Diese Institution des Züricher Nachtlebens  vermag es, an einem Montagabend den Laden zu füllen. Das bringt einen gewissen Lärmpegel mit sich und mit einem vergleichsweise leisen Konzert dagegen anzukommen, ist nicht ganz einfach. Ich konnte über einen Mangel an Aufmerksamkeit und Applaus aber nicht klagen. Acht verkaufte CDs sprechen ebenfalls für sich, denn normalerweise verkauft man eine oder zwei (wenn überhaupt). Jemand hatte das Plattencover vergrössert und von hinten beleuchtet. Auch die Palme auf der Bühne wurde extra angestrahlt. Vor der Veranstaltung wurde gekocht und alle Beteiligten assen gemeinsam. Diese liebevolle Gestaltung sollte nur noch von der Gastfreundschaft der WG von Isabell, Tomas und Claude überboten werden, denn hier konnten wir einige Tage wohnen. Schliesslich hatten wir zwei Tage später einen weiteren Gig in dieser wunderschönen Stadt. Hier ist in WK II nicht eine Bombe ´runtergekommen. Zürich ist quasi eine einzige riesige Altstadt und wirklich sehr, sehr hübsch und unser offdate kurzweilig. Henna und ich wurden von einer Kunststudentin auf der Strasse fotografiert. Hoffentlich bekommt sie eine Eins.


Mittwoch, 10. 10. 2007: Das Kalkikino war ein selbstgebasteltes Kino in dem besetzten Haus in der Kalkbreitestrasse. Anstatt gewöhnlicher Kinobestuhlung war alles voller alter Sessel und Sofas. Das Ambiente ludt förmlich zum Fläzen ein. Es hingen Bilder von Jesus und Maria an der Wand und im Veranstaltungsraum nebenan sollte später eine komplett weiss gekleidete Ösi-Crustcore-Band mit Cello auftreten. Zum Glück nicht zeitgleich, denn der Sound war derbe und die hätten uns übertönt. Ausserdem sind wir in den Genuss einiger Takte knallharter Musik gekommen, was ja beim Biertrinken nicht das Schlechteste ist (Anspieltipp:"König Alkohol, ich bin dein Untertan").


Donnerstag, 11. 10. 2007: Unser Weg führte uns nun in einen dem Allgäuer Underground in die Hände gefallenen Gasthof namens "Zum Hirsch". Am Buchloer Bahnhof, von wo aus wir mit einem Kleinbus abgeholt wurden, freuten wir uns über die gute Plakatierung für unsere Veranstaltung. Ich futterte im integrierten Pizzaservice erstmal ´ne Pizza mit Meeresfrüchten, während Wumi und Henna filmtechnische Probleme lösten. Mein Soundcheck würde auf sich warten lassen und warum sollte ich in der Gegend ´rumstehen ("Mach´das Beste draus"). Abends waren auffallend viele junge Punks anwesend und der Hamburger Humor stiess im Süden auf erstaunlich grosses Verständnis. Auch in den anderen Städten wurde ordentlich gelacht.

Samstag, 13. 10. 2007: In Dachau spielten wir im Café Gramsci. Der Laden wurde nach dem Mitbegründer der PCI (italienische KP) benannt und war sehr aufgeräumt und sound- und lichttechnisch gut ausgerüstet. Auf der Kleinkunstbühne stand sogar ein Klavier. Wir bekamen eine Touristenführung im Dunkeln und später von der schönen Barfrau dunkles Bier. Neben einem Braumeister von Erdinger Weissbier befand sich Silvia im Publikum, die mich zum Abschied küsste. Ich erzählte Ihr, dass wir morgen in München spielen würden, und unsere Begleiter witzelten: "Oh, dann wird es ja morgen eng im Arbeitszimmer." Es blieb aber bei den Witzen. Ein verbesserungswürdiger Zustand, aber ich habe schon Schlimmeres erlebt als eine Woche ohne Sex ("Es fehlt mir nicht an einem Mann"). Das offdate füllten wir mit Overground-Kultur. Der Freund unserer Managerin Moni, Hasi, führte uns durch mit Prunk überladene Katholische Kirchen und den Englischen Garten. Wir beobachteten Surfer im Eisbach, lauschten Trommlern. Der Cutter und Starfotograf Hasi lichtete Henna (Kampfname: Hennahead) beim wilden Urinieren ab. Apropos wild: Um ein Haar wären wir beim Plakatieren erwischt worden. Hennahead klebte, der Beamte grüsste freundlich, Moni grüsste freundlich zurück, ich versuchte möglichst unbeteiligt dreinzuschauen, der Beamte ging weiter. Nochmal Suppe gehabt. Mit der bayerischen Justiz ist nicht zu spassen. Wir begegneten dem FC Bayern-Star Mehmet Scholl auf der Strasse, aber als St. Pauli-Fans waren wir natürlich zu stolz, um nach einem Autogramm zu fragen.

Sonntag, 14. 10. 2007: Das Werkstattkino in München war bumsvoll und ich hatte weder Mikro noch Verstärker. Truly unplugged. Auf MTV bedeutet unplugged ja nur, dass anstatt elektrischer Instrumente akustische eingestöpselt werden während unplugged im Wortsinne uneingestöpselt heisst. Boykottiert MTV! Besucht R. J. Schlagseite-Konzerte! Schaut Euch "Rollo Aller 1&2" an, bis Ihr die Dialoge mitsprechen könnt! Aber tut Euch diesen in die kulturelle Irre führenden Schwachsinn nicht länger an. Das Publikum erwies mir die Ehre, sehr leise zu sein und auch ohne Verstärkung waren die Texte bis in die letzte Reihe zu verstehen. Ein schönes Gefühl, wenn man solche Aufmerksamkeit bekommt. Als Zugabe spielte ich "Big River" von Johnny Cash. Am letzten Tag versuchte Hennahead noch den Weltrekord im Luftanhalten zu brechen, schaffte aber "nur" eine Minute (immerhin). Dafür kann er leidlich kochen ("Trinkt billigen Wein, meine teuren Freunde"). Es gab toten Fisch und dass man Karotten immer mit ein wenig Zucker zubereitet wusste ich bis dato nicht.

Montag, 15. 10. 2007: Als wir das West Germany in Berlin betraten dachte ich, ich sei auf einem defekten, öffentlichen Klo gelandet. In der ehemaligen Arztpraxis am Cottbusser Tor in Kreuzberg war die Decke eingestürzt, alles voller kalter, weisser Kacheln, aber als am Abend Leute kamen, wurde es dann doch noch gemütlich. Das helle Arbeitslicht war ja auch aus. "Rollo Aller 1&2" kehrte, nachdem er in den Neunzigern 4 Jahre lang jeden Abend (!) im Kellerkino lief, nach Berlin zurück. Dass die Welt klein sei, hatte ich gehört. Aber dass Berlin auch klein ist, wunderte mich schon ein wenig. Es gab eine Menge zu erzählen und Galeriebetreiber Stefan sprach im Zusammenhang mit seiner Wohnung, in der ich später übernachten sollte, von Bohémeromantik. Wer hinter dieser Formulierung einen Euphemismus vermutet, der eine unaufgeräumte Bruchbude zu beschönigen versucht, dem sei gesagt, dass in Berlin die Mieten viel billiger sind als in Hamburg und ausserdem habe ich ausgezeichnet geschlafen. Am Dienstagabend schob ich schon wieder eine Tresenschicht im Sorgenbrecher (Hamburger Berg, St. Pauli) und wunderte mich, dass niemand applaudierte obwohl ich mehrfach erfolgreich alkoholische Getränke servierte. Der Sorgi ist, nebenbei bemerkt, der Laden in dem mir meine versoffenen Refrainzeilen einfallen und der meine Solo-CD vorfinanziert hat. Henna, der einen Tag später abreiste als ich, hatte lediglich eine Stunde Verspätung wegen des Bahnstreiks. Wir wollen im Januar wieder los. L G  R. J.


Da die Zeitungsausrisse nicht lesbar sind habe ich in mühevoller Kleinarbeit alles abgetippt:

Omas Punk-Wohnzimmer
Kultverdächtig: "Hirsch" in Lindenberg - Saisonbeginn Kleinkunstverein
Von BERTRAM MARIA KELLER
Lindenberg - "Trinkt billigen Wein, teure Freunde..." singt mit Hamburger Slang der Liedermacher R. J. Schlagseite im Lindenberger "Hirsch". "Punk Sauli" ist angesagt - Musik und Filme aus dem Hamburger Untergrund. Amüsant und interessant, doch der eigentliche Star ist die Location selbst, der Lindenberger "Hirsch", diese liebevoll-schrullige Szenekneipe mit dem Charme von Omas Wohnzimmer, gepaart mit einer Berliner Freak-WG.

"Raus aus der Gesellschaft - rein in den Rock" - so der Untertitel des Abends, der von Anfang an verspricht, ein äusserst gemütlicher zu werden, da amüsante Filmchen anstehen, sich nicht allzuviele Leute im Hirschen drängeln und es sich in einem der vielen ollen Sofas, die in der Kneipe stehen, wunderbar abhängen lässt. Überhaupt, der Hirsch ist eine der letzten Szene-Kleinode im Allgäu. Er könnte genauso in Berlin sein, doch das Publikum wäre ein anderes und das wäre schade.

"Wumi" regelt alles


Wachender Chef über den Haufen Ungezwungenheit im ungewollt und gerade deshalb besonders coolen Hirsch ist Klaus Thomas, von allen nur "Wumi" genannt. Er hat´s einfach drauf und weiss, was passt. Es läuft Radio, es wird gekickert, geraucht, getrunken. Alles ganz normal, doch im Hirschen scheint alles kultverdächtig zu sein, egal, ob das die zum Teil abgerissenen Plakate an den Wänden sind, die Retro-Tapeten, die amerikanischen Kühlschränke, die Blümchen am Tisch, die ollen Sofas oder Wumi selbst? Man weiss es nicht, man muss es fühlen. Und genau an so einem Abend wie "Punk Sauli" kann man das. "Was demnächst ist wenn man hier nicht mehr rauchen darf? Ich weiss es ehrlich gesagt auch nicht", so das Mädchen an der Kasse fleissig qualmend. Der Hirsch ohne Nebelschwaden, die um die Gäste jagen - kaum vorstellbar. Am "Punk Sauli"-Abend jedoch war alles wie gewohnt. Dicker Grauschleier über, vor und auf der Bühne. Für Liedermacher R. J. Schlagseite genau das Richtige, waren das fehlende Geld, Sex & Drugs & Rock´n´Roll doch seine vorherrschenden Themen. Der Mann hat den Blues und eine Stimme, die zur Grundmelancholie seiner Texte passt. In Hamburg steht er hinterm Tresen und gern mal auf der Bühne.
Die Filme "Rollo Aller!" Teil 1 und Teil 2 von Henrik Peschel bestechen vor allem damit, dass Sänger und Autor Rocko Schamoni die Hauptrolle spielt und die Musik von Schorsch Kamerun, Sänger der Deutschpunk-Legende Die Goldenen Zitronen" - stammt. Alles andere ist Trash. Aber Trash pur, denn das völlig verwaschene Bildmaterial war bei der Belichtung einfach drei Jahre lang abgelaufen und lag zu lange im sonnenbeschienen Schaufenster. Sogar Filmemacher Christoph Schlingensief, so Regisseur Henrik Peschel beim Filmgespräch mit dem Publikum, fragte bei einem Filmfest in Frankfurt, wo sie denn das abgefahrene Material her hatten. Filmfestivals auf denen solche Filme laufen, sind natürlich keine "normalen", sondern solche, wie zum Beispiel das "Besonders wertlos"-Filmfest in Bochum, wo "Rollo Aller!" das "Festival des schlechten Geschmacks" eröffnete und bundesweit zahlreiche Publikumspreise erhielt. So was kann man halt nur im Hirschen bringen, doch es geht sogar noch mehr.


Kleinkunstverein

Im ersten Stock ist der Kleinkunstverein Lindenberg-Buchloe untergebracht und ab und zu bei illustren Veranstaltungen präsent, wie zum Beispiel am kommenden Samstag, 20. Oktober. Zum Auftakt der Saison des Kleinkunstvereins gastiert, im Saal des Lindenberger Hirschen das "Galli-Theater" mit dem Stück "Bella Donna - ach wie gut, dass jemand weiss...". Die Umwandlung von einem Clown zu einer umwerfenden Frau erleben die Besucher in einem atemberaubenden Verwandlungsspiel entlang des Märchens Rumpelstilzchen für Erwachsene. Simone Mutschler spielt "Belladonna" und präsentiert hier in einer Verandlungsshow Rollenwechsel pur! Sämtliche Rollen vom clownesken Mädchen und der dominanten Mutter bis hin zur reifen, strahlenden Frau werden die Zuschauer begeistern. Einfach mal vorbeischauen, Karten an der Abendkasse.

Wochenprogramm

Wer jetzt Lust auf den Hirsch bekommen hat, hier das von Wumi empfohlene Wochenprogramm: "Am Freitag OMFUG mit DJs aus den westlichen Siegermächten (Lightplanque). Am Samstag Cold War Night mit DJ Max Headroom (formerly known as der kleine Nic) also die 80er von hinten. Am Sonntag Aussöhnungs-Abend am Spielebrett (neu: Siedler / Europareise).
der Fussballstammtisch fällt aus weil unsere Jungs für´s Vaterland kämpfen. Der neue Mittwoch heisst Nepper / Schlepper / Gangsterrapper mit Felix da Houserat und nächsten Samstag wieder Mädelsauflegeabend mit sage und schreib drei DJanes aus der Stadt!"

"Eule auf Puch"
Lindenberger Hirsch präsentiert das etwas andere Filmfestival
Lindenberg - "PUNK SAULI" oder "Raus aus der Gesellschaft, rein in den Rock" heissen die Filme und die Musik aus dem Hamburger Untergrund! Eine musikalisch-cineastische Freak-Show mit einem Ohr auf dem harten Pflaster St. Paulis. Ein zwei Meter hohes Arbeiterdenkmal namens R. J. Schlagseite (www.schlagseite.net) wird momentan in den Hamburger Liveclubs zwischen "Sorgenbrecher" und "Hasenschaukel" für sein brandneues Album "Für meine Niederlagen hab ich nichts gekonnt" gefeiert.


Barmann am Kiez

Denn wenn er seine Songs "Millionen Geschichten aus dem Untergrung" zum Besten gibt, weiss er als hauptberuflicher Barmann auf dem Kiez sehr genau, wovon er spricht. Nach seinem Konzert geht im Saal das Licht aus und der Filmprojektor rattert los. Für die Abiturienten im Publikum wird es ungemütlich.
Henrik Peschels Roadmovies "Rollo Aller! 1 & 2" bescheinigte schon die altehrwürdige ZEIT, sie bewegten sich hart am "Proll-Limit". Beim "Besonders wertlos"-Filmfestival in Bochum hatte der Trash-Doppelschlag die Ehre, das Treffen der "Freunde des schlechten Geschmacks" zu eröffnen und bekam bundesweit zahlreiche Publikumspreise.

Arbeitsloser Müllmann
Musiker und Autor Rocko Schamoni, der mit der Lesung seines Romans "Dorfpunks" in Lindenberg vergangenes Jahr hoch umjubelt war, spielt den arbeitslosen Müllmann Eule aus St. Pauli. Er und sein Kumpel Daddel (Reverend Ch. D.) haben die Faxen dicke und keinen Bock mehr auf Hamburg. Also machen sie sich auf nach Hong Kong, um das Grab von Bruce Lee zu besuchen. Klingt absurd, wird aber ausgesprochen lustig. Nach dem Film steht Regisseur Henrik Peschel Rede und Antwort. Das Ganze findet am Donnerstag, 11. Oktober im Hirsch in Lindenberg um 20.30 Uhr statt. Eintritt: Schlappe 5 € - so der Veranstalter und muss es ja wissen. Ach ja und noch was: NEIN! Rocko Schamoni kommt entgegen Gerüchten die seit einiger Zeit in der Gegend um den Hirschen herum kursieren NICHT als Überraschungsgast vorbei. Das ist zwar schade aber verständlich, da er sich mit seinem neuen Roman "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit" aktuell auf Lesereise befindet und just an diesem Donnerstag in Nürnberg Halt macht (siehe Info im Internet unter www.rockoschamoni.de).                                                                     kb/bmk


Dieser Artikel erschien auch in ZEIT online.
Der Liedermacher aus dem Reiherstiegviertel hat sein Leben geƤndert und eine neue Platte herausgebracht.
R.J.Schlagseite  |  ralf.junker@gmx.net